ich versteh kein wort. gehe doch mal ins detail.
OK, ich versuch's - auch wenn das ein ziemlicher Exkurs in VWL zu werden droht
Grundsätzlich erst mal zum Verständnis, was mit "Wirtschaft" überhaupt gemeint ist. Hier (VWL) geht es um wirtschaftliche Interaktionen in einer Gesellschaft, also der Tausch von Waren und Dienstleistungen (z. B. auch die eigenen Arbeitskraft) unter Zuhilfenahme von Zahlungsmitteln. Für Informatiker: stellt Euch die Volkswirtschaft in Deutschland als Graphen mit 80 Mio Knoten vor, wobei zwischen zwei Knoten mehr als nur eine Kante verlaufen kann. Außerdem kann sich nicht nur der Zustand dieses Graphen verändern, sondern auch der Verlauf der Kanten zwischen den Knoten.
Volkswirtschaftliche Theorien befassen sich zum einen damit, Prognosen anhand mathematischer Modelle über dieses dynamische System zu erstellen, und zum anderen damit, wie man mit Einflussreizen das System in die gewünschte Richtung bewegen kann (Stichwort: Steuerung).
Um nun überhaupt Aussagen über dieses äußerst komplexe System treffen zu können, bedarf es gewisser Annahmen. Dies ist der Punkt, in dem die verschiedenen Theorien und Modelle beginnen, auseinanderzudriften. So unterscheiden sich Liberalismus und Kommunismus hauptsächlich durch eine Grundannahme, die das Verhalten der "Knoten" betrifft. Die Liberalisten modellieren den Knoten in Gestalt des "Homo Economicus". Diesem "Knotentyp" (=Mensch!) wird unterstellt, grundsätzlich die für ihn wirtschaftlich optimalste Entscheidung zu treffen. Im Gegensatz dazu geht der Marxismus von einem Menschentyp aus, der dazu nicht in der Lage ist.
Man sieht hier schon, das beide Modelle unzureichend sind - in der Realität spielen noch viele weitere Faktoren eine Rolle; Menschen entscheiden nicht immer rational (Stichwort: Emotionen), sind aber auch nicht so stumpf, wie Marx und Engels ihnen bescheinigten. An diesem Punkt setzt moderne Forschung zur Entscheidungsfindung (Spieltheorie etc.) an; sie versucht, das alte, simplizistische Knotenmodell zu verbessern und stärker in Richtung Realität zu rücken. Man kann hier beliebig weit in Richtung Psychologie und Philosophie abdriften - ein wirklich gutes Modell für das wirtschaftliche Entscheidungsverhalten von Menschen und Institutionen hat bisher noch niemand gefunden.
Bei den Steuerungstheoretikern greift man daher häufig noch auf das bewährte, alte Knotenmodell zurück. Im Grunde gibt es drei Steuerungsmodelle, die auf die unterschiedliche Sicht auf die "Knoten" zurückzuführen sind: Zum einen die neoklassische Theorie (in den Medien oft fälschlich als "Neoliberalismus" bezeichnet), den Keynesianismus und die Planwirtschaft.
Die neoklassische Theorie basiert auf der Annahme, dass die "Knoten" des großen Wirtschaftsgraphen ihre Interaktionsentscheidungen stets in dem Bestreben treffen, sich selbst zu optimieren. Daraus wird abgeleitet, dass das gesamte System ständig bestrebt ist, sich selbst zu optimieren, so dass künstliche Eingriffe durch eine in das System eingebundene Institution (wie etwa den Staat) als nicht wünschenswert, sondern als gefährlich erachtet werden. Demzufolge soll sich die Rolle des Staates auf die Vorgabe von Regeln und die Überwachung derer Einhaltung beschränken.
Dem entgegen steht der Keynesianismus, der eine aktiv lenkende Rolle des Staates nicht nur in Form von Regeln, sondern auch in Form von wirtschaftlichen Interaktionen mit den "Knoten" "seiner" Volkswirtschaft vorsieht. Wenn man bedenkt, dass der Staat in Form von öffentlichen Aufträgen, als Arbeitgeber etc. durchaus aktiv am Wirtschaftsgeflecht teilnimmt, ist dieser Ansatz zumindest in dieser Hinsicht realistischer als die neoklassische Theorie. Allerdings setzt diese Steuerungstheorie voraus, dass die Wirkung von gezielten wirtschaftlichen Interaktionen auf den gesamten Graphen prognostizierbar sind.
Die Planwirtschaft geht noch einen Schritt weiter und basiert auf der Annahme, dass der volkswirtschaftliche Graph nach einem vorgegebenen Plan funktionieren kann. Die Praxis in ehemaligen und gegenwärtigen kommunistischen Staaten zeigt jedoch, dass die Planwirtschaftstheorie die Komplexität des wirtschaftlichen Geflechts hoffnungslos unterschätzt hat und regelmäßig nicht funktioniert (Güter-Unterversorgung, Nahrungsmittelknappheit etc.).
Soweit erst mal zur Theorie, nun zur Praxis. In der Vergangenheit kann man sagen, dass der marktwirtschaftlich orientierte Westen in zwei Lager gespalten war: Im angelsächsischen Raum hing man stark der neoklassischen Theorie an, während die Kontinentaleuropäer eher der Keynesianischen Theorie zugeneigt waren. Mit Gründung der EU begann jedoch auch Europa, sich stärker in Richtung neoklassischer Theorie zu bewegen. Einer der Gründe: Eingriffe im Sinne von Keynes führen prinzipbedingt zu einer Begünstigung der nationalen Wirtschaft, was auf einem gemeinsamen Markt zwangsläufig zu Verzerrungen und Benachteiligungen führen muss (es sei denn, in allen nationalen Wirtschaften wird zeitgleich derselbe Impuls gegeben).
Nun zu meiner Behauptung, dass sowohl Keynesianismus als auch die neoklassische Theorie nicht (mehr) funktionieren (von der Planwirtschaft mal ganz zu schweigen). Zunächst zur neoklassischen Theorie: Ich behaupte, dass ein Knoten im großen Wirtschaftsgraphen weder in der Lage ist, zu erkennen, welche Entscheidung ihm den größtmöglichen ökonomischen Nutzen (auch langfristig!) bringt, noch nach dieser Maxime zu handeln. Schuld daran: Das Geflecht selbst in unmittelbarer Umgebung um uns herum ist zu komplex geworden; hinzu kommen die typisch menschlichen Schwächen wie Gier, kurzfristiges Erfolgsdenken und als weiterer Faktor eine stark gestiegene Verändungsgeschwindigkeit der Kanten im Graphen (Job-Hopping, Leiharbeit, Verschmelzungen etc.).
Aus ähnlichen Gründen glaube ich auch, dass ein Staat nicht mehr in der Lage ist, gezielt Einfluss auf das wirtschaftliche Geflecht zu nehmen - einfach, weil es kein brauchbares Prognose-Modell gibt (ein solches müsste in heutigen Zeiten die Wirtschaft auf der gesamten Erde erfassen, und da wären wir wieder bei der Frage nach 42). Beispiel Abwrackprämie: eine klassische Maßnahme im Sinne von Keynes, aber niemand konnte im Vorfeld einigermaßen korrekt prognostizieren, wie stark die nationale Ökonomie (namentlich Automobilhersteller und -zulieferer) von diesem staatlichen Eingriff profitieren würde.
Beim Keynesianismus kommt ein weiteres Problem hinzu: Der Staat kann solche Impulse i. d. R. nur auf Kosten von zusätzlicher Staatsverschuldung geben. Wenn nun (wie etwa im Fall der Banken geschehen) sehr schnell sehr große Summen in Umlauf gebracht werden, ohne damit tatsächlich die Interaktionen zwischen den Knoten zu vermehren, dann entsteht etwas, das als "Schuldenblase" bezeichnet wird: Die Bonität des Staates als Kreditnehmer basiert auf seiner Wirtschaftsleistung. Wenn die Wirtschaftsleistung trotz hoher Staatsverschuldung ausbleibt, bekommt ein Staat Probleme, seine eigenen Schulden zu refinanzieren, und irgendwann kommt der Punkt, an dem die ersten Kontrakte platzen. Dann passiert einem Staat genau dasselbe, wie vor einigen Jahren Argentinien - Hyperinflation und schließlich der Staatsbankrott. Ergo: Keynes mit Staatsschulden funktioniert nur, wenn dadurch auch tatsächlich die Wirtschaft angekurbelt wird. Wenn die Impulse verpuffen und der Staat das nicht rechtzeitig merkt (und auch entsprechend handelt), vergrößert der Eingriff das Risiko von ökonomischen Verlusten für jeden betroffenen "Knoten" sogar noch erheblich.
Wenn man sich mal von dem naiven Gedanken verabschiedet, das menschliche Leben mit all seinen ökonomischen Interaktionen in allen Facetten vorhersagen und planen zu können, lässt sich die derzeitige Situation darauf eindampfen, dass es einfach kein funktionierendes Steuerungsmodell für die Wirtschaft gibt, denn jede Art der Steuerung (selbst die durch Regeln und Vorgaben) bedarf in einer globalen Welt der Abstimmung zwischen allen Staaten. Wenn nur einer nicht mitmacht, kann es nicht funktionieren, egal ob neoklassisch oder keynesianisch.
Die Herausforderung für die Ökonomie (als Wissenschaft) besteht also darin, eine neue, auch unter den veränderten Bedingungen (sowohl was die "Knoten" als auch die "Kanten" angeht) funktionierende Form der Steuerung zu finden. Ob diese notwendigerweise auf einem Prognosemodell basieren muss, sei mal dahingestellt - allzu viele Experimente in der Realität kann man sich dabei aber nicht erlauben, denn jedesmal besteht das Risiko, mit einer Fehlentscheidung irgendwo eine Hungersnot auszulösen oder sonst irgendeine Katastrophe heraufzubeschwören.
Dummerweise sind derzeit nirgendwo visionäre Wirtschaftswissenschaftler in Sicht, denen ich einen solchen großen Wurf zutrauen würde. Die meisten scheinen derzeit damit beschäftigt, den alten Lehren anzuhängen und lieber die Realität so lange zu verzerren, bis sie in ihr beschränktes Weltbild passt.