Naja, das Ding geistert nun schon seit einigen Tagen durch die Presse und irgendwie ließt sich das Ganze wie der emotionale Ausbruch eines frustrierten Mitarbeiters. Natürlich macht sowas im Netz schnell die Runde, auf Microsoft schimpfen bringt schließlich immer viele Klicks und lange Kommentar-Flamewars mit noch mehr Klicks. Ob es nun gerechtfertigte Kritik oder einfach nur substanzloses Geheul ist, ist von außen natürlich nahezu unmöglich zu beurteilen. Daher nur einige Anmerkungen:
- Die Kritik an NTFS dürfte jeder nachvollziehen können, der mal ernsthaft damit gearbeitet hat. Man braucht keinen Benchmark um zu merken, dass NTFS deutlich langsamer als praktisch jedes moderne, konkurrierende Dateisystem ist. Bleibt nur die Frage, ob es wirklich an der Implementierung liegt (der Artikel deutet das an), oder ob einfach nicht aggressiv genug gecached wird. Etwas peinlich ist es auch, dass NTFS im 2013 noch immer keine Balance zwischen Datei- und Medienfragmentierung findet, was das ständiges Defragmentieren nach sich zieht. Ob ReFS nun besser ist, ist schwer zu beurteilen. Aber zumindest subjektiv ist es genauso langsam.
- Hat Microsoft wirklich ein Kernelproblem oder eher ein allgemeines Architekturproblem? Windows ist konzeptionell im Sachen Aufbau in meinen Augen unixoiden Systemen noch immer überlegen. Aber seit Jahren führt Microsoft regelmäßig neue Frameworks und Schnittstellen in das System ein, kann aufgrund dem Anspruch bis praktisch immer Rückkompatibel zu sein aber nichts entfernen. Dadurch ist die Geschichte insgesamt unglaublich fett geworden, die berüchtigte WINAPI ist nur die Spitze des Eisbergs. Was bringt einem ein guter, schneller Kernel wenn darüber alles chaotischer Murks ist? Vielleicht ist, von außen her gesehen, wirklich der Punkt gekommen einmal einen klaren Schnitt zu machen und alles vor Windows 7 endgültig als "deprecated" zu erklären und nicht mehr zu unterstützen.
- Niemand außer die Entwickler selbst können beurteilen, wie kritisch Änderungen am Kernel sind und ob kleinere Geschwindigkeitsvorteile das Risiko Dinge abzuändern aufwiegen. Natürlich kann man theoretisch unterhalb einer definierten ABI / API machen, was möchte. Praktisch ist dem aber nicht unbedingt so. Wir FreeBSDler - und unser System ist in Sachen Komplexität und Kompatibilität ein Witz gegen Windows - kennen das Problem mit undefiniertem Verhalten schon zu genüge. Ein paar kleine Änderungen am VM, für Anwendungen transparent, und schon funktioniert OpenJDK nur noch in der Debug-Konfiguration, da es auf obskures, zufälliges Fehlverhalten an Randfällen angewiesen war. Wie soll es da erst Microsoft gehen? Man erinnere sich an das Geschrei, als gammlige Schrottanwendungen nicht mehr mit Vista klarkamen... Am Ende wurde sogar diese komische VM eingebaut.
Vielleicht ist Microsoft ein unbeweglicher Dinosaurier. Vielleicht haben sie aber auch nur aus gutem Grund konservative Vorgehensweisen implementiert. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Das Ganze ist nebulös und daher sollte man den Artikel nicht zu ernst nehmen, sondern nur als Hinweis auffassen, dass dort Dinge nicht ganz so laufen wie sie sollen.