mir sind diese Gedanken in dieser Form noch nicht zuvor gekommen.
Das Gedächtnis des Menschen funktioniert ja auch so, dass fast alles wieder vergessen wird. Es wundert also im Grunde nicht, wenn von Menschen genutzte Systeme so etwas nachahmen.
Aber, obwohl ich doch häufiger mit älteren Rechnern konfrontiert werde und mir deshalb sehr gut vor Augen steht, wie vergänglich digitale Speicherung tatsächlich ist, war mein Empfinden bisher eher gegenteiliger Natur und ich sah die Unvergänglichkeit digital gespeicherter Informationen als die große Herausforderung und auch Gefahr. Daten, die heute noch Zugangs-geschützt gesammelt werden, können morgen schon für unbefugte mit Leichtigkeit gelesen werden.
Und die große Aktivität, Bedeutendes aus Kunst und Geschichte zu digitalisieren, fand ich eine wunderbare Anstrengung, weil ich insgeheim unterstellte, dass damit Alles Allen für alle Zeit zugänglich gemacht wird.
Dabei habe ich auch mit großem Interesse eine Diskussion verfolgt, wo es um die Möglichkeiten ging, atomare Endlager sicher zu machen. Es gibt dafür in Frankreich einen eigenen Beamten mit Ressort, der darüber nachdenkt, denn das ist wahrhaftig eine Generationen und sogar Populationen übergreifende Angelegenheit. Auch in MOM spielt diese Frage ja eine Rolle. Nehmen wir die Pyramiden Ägyptens als Beispiel. Noch stehen sie, auch wenn wir nicht so viel damit anfangen können. Als atomare Endlagerstätten wären sie herausragend. Auch viele Generationen nach ihrem Bau sehen und bestaunen wir viele dieser Bauwerke. Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und sie lassen Mythen um ihre Bedeutung wachsen. Aber auch nach vielen Jahrzehnten des Studiums und dem Entziffern der damals gebräuchlichen Schrift bergen sie noch immer viele Geheimnisse. Stellen wir uns vor, es wären nicht nur die wenigen Jahrtausende seit ihrem Bau vergangen, sondern schon einige Zehntausend Jahre. Ob wir sie dann überhaupt noch gefunden hätten? Die Sicherheit der atomaren Endlager muss für mehrere hunderttausend Jahre gewährt bleiben. Ich glaube ernsthaft, dass das überhaupt nicht geht. Wir haben keine Mittel, mit zukünftigen Generationen zu kommunizieren. Wir können keine warnenden Botschaften hinterlassen, die gefunden und verstanden werden, wenn es zwischendurch zu einem Abriss in der Geschichte kommt.
Die Bemühungen im MOM sehe ich durchaus mit gemischten Gefühlen.
Es ist schon so ein wenig die Sammlernatur, die da durchkommt. Wissen zusammentragen und archivieren, ist immer noch besser, als dies nicht zu machen. Aber Wissen einfach nur horten ist ja vollkommen unzulänglich. Das ist, als würde ich mir viele Bücher kaufen und glauben, durch ihren Besitz nun schlau geworden zu sein. Nein, da fehlt noch was.
Aber schon einige gute Überlegungen dabei, wie denn Information zeitlos archiviert werden kann und welche Formen man wählt, um auch in weiter Zukunft noch verstanden zu werden.
Dabei stehen wir mit unserer Technologie ja noch sehr am Anfang und wenn wir uns nicht verrennen und vorher kaputt machen, ist da ja noch Einiges zu erwarten und gerade die heftigen Fluktuationen zu Anfang der Digitalisierung könnten durchaus in absehbarer Zeit durch universale Standards abgelöst werden, die absolut langlebig sind. Nano- und Bio- Technologie werden ja heute noch kaum mit digitaler Technik vereint. Man denkt fast immer nur in Richtung Quanten, wenn es um Fortschritt geht und das meist in der Richtung, leistungsfähiger auf kleinerem Raum zu werden. Langzeitstabilität spielt heute in der Entwicklung erst am Rande eine gewisse Rolle (wie bei ZFS) und vielleicht gerade deshalb, weil wir noch immer in der Sturmphase der Entwicklung sind. Wir können ja heute benutzten Medien nicht trauen, wissen wir doch, dass sie spätestens nach 20 Jahren veraltet sind.
Jedenfalls ein toller Job, sich solche Gedanken zu machen und an derartigen Problemen zu arbeiten, wie die Archivare das tun. Ich sah diese Leute eher als Bücherwürmer mit einer Liebe für lange Tabellen und spitze Bleistifte. Schon toll.