Was meinst du mit "empirischen Wissenschaften"?
Unter
empirisch verstehe ich Erkenntnisgewinn durch Beobachtung der sinnlich wahrnehmbaren Welt – wobei Instrumente jeglicher Art lediglich Erweiterungen der Sinne sind.
Ein positivistischer Empirist würde zum Beispiel annehmen, dass er Gesetze aus n Beobachtungen ableiten kann und somit Aussagen über das Ereignis n+1 machen kann, diese Gesetze sucht er durch Versuche zu beweisen, bestätigen: zu verifizieren.
Ein kritischer Empirist (Falsifikationist) würde Theorien ableiten, die ihm (grob gesagt) solange gültig sind, bis sie falsifiziert sind – Im Gegensatz zum Positivismus würde er jedoch nicht davon ausgehen, dass er etwas bewiesen hat, also kein
Naturgesetz (auch kein wahrscheinliches) ableiten – allerdings würde er davon ausgehen, dass er sich über der Zeit an die Wahrheit annähert.
Wenn Du im Gegensatz dazu z.B. logische Deduktion betrachtest, so gewinnt man hier Erkenntnis nicht durch Beobachtung – man schliesst nicht aus einer begrenzen Menge von Ereignissen auf das Allgemeine, sondern leitet praktisch vom Allgemeinen das Einzelne ab. (
deducere (lat.) geleiten, wegführen) Die Position der Rationalisten ist nun, dass nur diese Schlüsse wirklich absolut wahr sind.
Alle Frösche sind grün.
Max ist ein Frosch.
Max ist grün.
[ Ax(Frosch(x) -> Grün(x)) ]
Wir haben hier zwei Sätze: Einmal wird gesagt, dass alle Frösche grün sind, dann wird gesagt, dass Max ein Frosch ist. Daraus kannst Du ableiten, dass Max grün ist. Diese Deduktion ist wahr, daran ist nichts zu rütteln. Für die Mathematik trifft es beispielsweise auch zu, dass ihre bewiesenen Erkenntnisse absolut wahr sind, wenn sie konform der Regeln des etablierten Systems ermittelt wurden. Das ist der rationale Teil der Sache und der hat erstmal nichts mit Empirik zu tun, aber:
Muss diese Aussage wahr sein, weil sie
logisch wahr ist? Nein, aber das ist nicht "Schuld" der Logik, sondern der empirisch ermittelten Prämissen. Was also ist mit den braunen Froscharten? (k.A. ob es so etwas gibt ...)
Ob 1. Alle Frösche grün sind und
ob 2. Max ein Frosch ist – also der Wahrheitsgehalt der Prämissen – ist
nicht Gegenstand der Logik, ist keine Deduktion, sondern wird entweder einfach so behauptet, oder beispielsweise durch empirische Methoden ermittelt, also durch Beobachten der sinnlich wahrnehmbaren Welt. Nun sind aber diese Prämissen nicht absolut sichere Erkenntnis, zumindest meiner Meinung nach (das haben wir ja hier diskutiert).
Ein Positivist würde ihnen (zumindest wahrscheinliche) Wahrheit zugestehen, wenn die Beobachtung widerholt werden kann, das heißt, aus wiederholter Beobachtung auf Wahrheit im Allgemeinen schliessen (sprich: verifizieren). Die kritischen Rationalisten würden dies nicht tun, sondern Theorien, die auf Beobachtung fußen nur als gültig anerkennen, solange sie nicht widerlegt sind.
Ich hoffe, das hilft ein Bisschen, ich bin mir nicht sicher, ob ich Deinen Post richtig verstanden habe.
Was Deine vorherige Frage zum Thema Praxis/Theorie angeht:
Man kann es mit der Position der alten Griechen zu sehen versuchen: Es gibt Logos, Psyche und Physis – alle drei sind eine Art Realität. Der Logos ist die Struktur der Dinge, Gedanken, Wissen, Sprache, Ideen etc., die Psyche ist das Erleben der Welt des Einzelnen (durch sie wechselwirken Logos und Physis), die Physis ist das sinnlich wahrnehmbare. Konkret: Es gibt die Idee des Hauses, das, was ein Haus eben ausmacht [Von mir aus: Die
Klasse Haus] (Logos), dann gibts den Architekten (Psyche), der anhand dieser Idee einen konkreten Bauplan entwirft, sich den Bauplatz und die Materialien ansieht, Maurer anheuert ... und quasi Bindeglied zwischen Physis und Logos ist. Letztlich gibt es das konkrete Haus, das Du anfassen kannst, und gegen dessen Haustuer du rennen kannst, wenn Du mal wieder in Eile bist.
Allen Dreien kommt eine gewisse Realität zu, sowohl dem Wissen um das Haus, seiner Idee, als auch dem Mittler, der diese umsetzt und dazu sowohl die physische, sinnliche Welt erleben muss, als auch das Wissen um den Hausbau mitbringen muss (den Logos) und dem konkreten steinernen Gebäude.
Also, so sehens die Griechen, Popper – mit ihm übrigens auch Leute wie z.B. Einstein – und eigentlich auch ich.
Eine andere interessante Frage ist übrigens, ob man den Ideen tatsächliche Existenz zumisst, und die Individuen sich von diesen ableiten, oder ob Die Ideen (Kategorien, Klassen ...) durch Abstraktion von Beobachtungen des Einzelnen entstehen. (Wens interessiert: Universalienstreit) Grob gesagt wäre Ersteres Platons Standpunkt (und der des deutschen Idealismus) letzeres, mehr oder weniger, Aristoteles' Standpunkt (und der Insel-Empiristen). Aber wie gesagt: nur so als Anreiz, Grain of Salt usw. ...
So ... Ich hoff, ich hab ein Bisschen geholfen, die letzte Klarheit zu beseitigen.
Disclaimer:
Ich hoff, ich hab keinen Stuss verzapft, ist mehr oder weniger aus der Erinnerung aufgeschrieben und Alles schon ein Bisschen her – ich werd gern korrigiert.
Edith meint:
und das ist insofern Bewiesen, als dass die DNA des Menschen rein mathematisch nicht genug Platz für das Hirn hat) es dann überhaupt möglich irgend einen andere Lösungsquelle, als Empirie zu nutzen?
Das ist genau der Glaube, den ich so sehr liebe, sozusagen in Reinkultur.
Naja, dann drück ich Dir mal die Daumen, dass nicht, innerhalb Deiner Lebenszeit, das genaue Gegenteil auf einmal "bewiesen" sein wird und Dein Weltbild noch auf den letzten Drücker geändert werden muss, was Dir mit zunehmendem Alter wohl schwerer fallen wird.
Gleiches gilt für die Evolution etc. (Und nein: Ich bin mit Sicherheit kein Kreationist – nur, um mal dem Schlimmsten vorzubeugen)
Mal von allem Argumentieren abgesehen, geb ich Dir einen Tipp, den Du annehmen kannst, oder auch nicht (jeder nach seiner Façon): Sei Dir Deiner Sachen besser nicht zu sicher und lerne, nichts, oder vielleicht zumindest nicht Alles wissen und beweisen zu können.
Übrigens, nur mal so nebenbei: Ist Dir aufgefallen, dass Du die Empirie, im Zitat, mit einer empirisch gewonnenen Erkenntnis zu fundieren suchst?
Wie gesagt, ich lasse jedem seine Meinung und seinen Glauben, nutze und schätze Annehmlichkeiten, die mir die moderne Wissenschaft bereitet (war auch immer ganz gut in Physik und Chemie

), aber für mich steht fest, dass ich nicht anders kann, als skeptisch zu sein. Zu diesem Ergebnis bin ich per Verstand gekommen, nicht durch Glauben.
